Festansprache Mantua

Übersicht
Dr. Pizzinini in Mantua 200. Todestag von Andreas Hofer, Feier in Mantua mit Festrede von Dr. Meinrad Pizzinini

Univ.-Doz. Dr. Meinrad Pizzinini:
Festansprache – Mantua, 20. Februar 2010
Gentili ospiti d’onore!  – Geschätzte Ehrengäste!
Cari Schützen!    Liebe Schützen!
Care Mantovane, cari Mantovani!    Liebe Mantuanerinnen und Mantuaner!

„Geschichte trifft Zukunft“ („La storia incontra il futuro“) heißt das Motto, das uns im Gedenkjahr 1809–2009 begleitet hat und an dessen Endpunkt wir uns heute an der Todesstätte des Sandwirts Andreas Hofer in Mantua versammeln.

Es ist auch nach 200 Jahren noch unvergessen, was sich im Jahr 1809 zugetragen hat, in jenem besonderen Jahr der Tiroler, ja, der europäischen Geschichte. Der größte Teil der Bevölkerung des Landes Tirol, das sich damals vom Karwendel-Gebirge bei Innsbruck im Norden bis zum Lago di Garda im Süden ausgedehnt hat, fand den Mut, sich gegen die bayerisch-französische Fremdherrschaft aufzulehnen.
Mehrere Komponenten haben dazu beigetragen: der Verlust der alten Rechte, die die Tiroler seit Jahrhunderten besessen hatten, die sich verschlechternden wirtschaftlichen Verhältnisse, die zahlreichen Reformen, getragen vom Geist der „Aufklärung“, die sich besonders auf kirchlichem und religiösem Gebiet ausgewirkt haben.

Unter der Führung des Sandwirts Andreas Hofer aus dem Passeiertal, der zum Ober-kommandanten der Tiroler Landesverteidigung aufgestiegen ist und schließlich für einige Zeit als Regent von der Innsbrucker Hofburg aus die Geschicke des Landes lenken musste, hat die vorwiegend bäuerliche Bevölkerung aller Teile des historischen Tirols dazu beitragen, das Schicksal in die eigene Hand zu nehmen und es konnten auch Erfolge verzeichnet werden, bis die Erhebung von der militärischen Übermacht erdrückt wurde.

Das Ende ist bekannt: Nach dem Erlöschen der Kämpfe, die sich im Eisacktal bei Brixen und in der Gegend von Lienz im heutigen Osttirol bis Anfang Dezember 1809 hingezogen haben, sind mehrere der Kommandanten nach Österreich geflohen. Andreas Hofer – und dies gehört zu seiner charakterlichen Stärke – hat sein Land nicht verlassen, er hielt sich in seiner engeren Heimat Passeier versteckt, wurde von einem Einheimischen entdeckt und verraten, in den frühen Morgenstunden des 28. Jänner 1810 zusammen mit seiner Gattin Anna, seinem Sohn Johannes und dem getreuen Schreiber Cajetan Sweth verhaftet und schließlich nach Mantua gebracht. – Es mag für ihn vielleicht ein wenig tröstlich gewesen sein, wenn sich die Mantuaner für den „General Barbone“, il Barbón, interessierten und ihn um 5.000 Scudi dem französischen Militär abkaufen wollten. Es war auch der einheimische Rechtsanwalt dott. Gioacchino Basevi, der alle Anstrengungen unternahm, den Sandwirt frei zu bekommen – vergebens. Von Napoleon, Kaiser der Franzosen, war der Befehl ergangen, eine Militärkommission zu bilden, die den Sandwirt abzuurteilen und innerhalb von 24 Stunden erschießen zu lassen habe.  

Es ist äußerst denkwürdig, was sich hier in Mantua heute vor 200 Jahren ereignet hat. Noch in seinem letzten Brief, den Hofer um 5 Uhr Früh in seiner Zelle verfasst hat, äußert sich überragende menschliche Größe, wenn er schrieb: „Ade mein schnede Welt, so leicht khombt mir das sterben vor, das mir nit die augen nass werden …“.

Erzpriester Alessandro Borghi, Pfarrer von S. Michele, nahm ihm die Beichte ab und spendete ihm zum letzten Mal die hl. Kommunion. Erzpriester Giovanni Battista Manifesti der Kollegiatsbasilika S. Barnaba, begleitete ihn zur Hinrichtungsstätte, wo er unter den Kugeln des Exekutionskommandos starb.

Über Hofers Tod hat sich – wie bei zahlreichen bedeutenden Persönlichkeiten der Geschichte – manche Legende gebildet. Übereinstimmend aber wurde berichtet, dass Hofer unerschrocken und standhaft den Tod erlitten hätte wie es zum ersten Mal Erzpriester Manifesti in einem Schreiben festgehalten hat:

„ … Ich habe einen Mann bewundert, der als christlicher Held in den Tod gegangen ist und diesen als unerschrockener Märtyrer erlitten hat.“

Eine Kraftanstrengung so gewaltigen Ausmaßes, wie sie dem Tiroler Volk 1809 zu-gestanden werden muss, wäre selbst ohne Erfolg denkwürdig. Die Tiroler hatten zwar Napoleons europäisches Programm nicht tiefgreifend stören können; effektiver Wert und Erfolg der Erhebung aber lagen in der moralischen Wirkung, dass nämlich dieses relativ kleine Gebirgsvolk sich dem mächtigen Franzosenkaiser mit seiner Grande Armée sowie seinem Verbündeten, dem Königreich Bayern, entgegenzu-stellen gewagt und selbst militärische Erfolge erzielt hatte, die freilich auch große Opfer gekostet hatten. Dies war in ganz Europa Aufsehen erregend und gab – wie immer wieder bestätigt wurde und bestätigt wird – der deutschen Widerstands-bewegung gegen fremdes Joch in den Jahren 1813/1814 Auftrieb und Ansporn.

Die Tiroler hatten damals zu erreichen versucht die politische Selbstbestimmung und die Freiheit, das Leben nach eigenen Vorstellungen gestalten zu können und damit auch die freie Ausübung ihrer Religion.

Im nun ablaufenden Gedenkjahr hat ein großer Teil der Bevölkerung in allen Berei-chen des historischen Tirol auf vielfältige Weise zur Würdigung der Ereignisse und Persönlichkeiten des Jahres 1809 beigetragen: mit Theateraufführungen, Konzerten, Liederabenden, Lesungen, Buchpräsentationen, Vorträgen, Ausstellungen, Sympo-sien und wertvoller, wissenschaftlicher und auch populärwissenschaftlicher Literatur, die natürlich eine „Langzeitwirkung“ besitzt. – Weg von der nicht hinterfragten Glori-fizierung! Ein wahrheitsgetreues Geschichtsbild wird weiter wirken und für das histo-rische Tirol identitätsstiftend sein.

Es ist interessant und bemerkenswert, dass heute, in der Zeit der Globalisierung, in der jedem Menschen gleichsam die große weite Welt offen steht, Traditionsvereine im ganzen Land, von den Schützen über Trachtenvereine bis zu den Volksbühnen usw. enormen Zulauf haben. Es scheint wirklich so zu sein, dass in einer globali-sierten Welt aber das Spüren einer fassbaren Heimat in der eigenen Region wächst. 

Und noch etwas ganz Wesentliches scheint dieses Gedenkjahr für die weitere Zu-kunft zu zeitigen: das Zusammenwachsen der historischen Landesteile in der ver-stärkten Förderung der „Europa-Region Tirol“ und eines gewissen Zusammenge-hörigkeitsgefühls in der Bevölkerung. Alle drei Landeshauptleute von Tirol, Südtirol und Trentino haben in diesem Sinn eindeutige Worte gefunden. Landeshauptmann Günther Platter hat es beim repräsentativen „Forum Alpbach“ auf den Punkt gebracht: „Die Europaregion Tirol ist die Zukunft“. Durch verstärkte Zusammenarbeit zwischen dem Bundesland Tirol und den Autonomen Provinzen Bozen und Trient auf allen Gebieten wie Wirtschaft und Kultur entstehe sozusagen die Landeseinheit Alt-Tirols auf europäischer Ebene neu.

In diesem Sinne ist es auch zu begrüßen, wenn in einer offiziellen, in Bozen heraus-gegebenen Broschüre zu lesen steht: „Hofer ritorna in Trentino“! Der Sandwirt, der gute Beziehungen zu Welschtirol (Tirolo italiano/Trentino) unterhielt, dort durch Jahre arbeitete, Italienisch lernte, später Handel trieb und auch im Jahr 1809 dort voll aner-kannt worden ist, kehrt nach dem Abstreifen nationalistischer Gefühle „auf beiden Seiten“ wieder ins Trentino zurück.

Und somit kann gerade diese historische Persönlichkeit, deren Tod wir heute hier in Mantua gedenken, sozusagen als Denkmal und Identifikationsfigur im Wiederaufleben des Geistes Alt-Tirols fungieren. Und damit hat dieses Gedenkjahr 2009 mit dem Motto „Geschichte trifft Zukunft“ auf jeden Fall einen großen Wert auch für die kommende Zeit. Denn 1809 wird immer eines der bemerkenswertesten Jahre in unserer gemeinsamen Geschichte bleiben!



Zuletzt geändert von Administrator (admin)  am 10/03/2010  um 18:37
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